Editorial

So, jetzt ist es so weit – die Revolution frisst ihre Kinder. Zumindest sieht es stark danach aus, sonst würden die lieben Kleinen nicht medienwirksam versuchen, derzeit diejenigen zu fressen, die unlängst Geschlechterklischees als den Marketing-Clou des Jahres für Überraschungseier entdeckt haben. Nach jahrzehntelanger Arbeit an frauenspezifischen Sprachformen und anderen Nebelkerzen zur Gleichberechtigung wagt es die Dame von Welt, endlich wieder zu ihrem Geschlecht zu stehen. Und das mit Stolz. Ob Dessous, oder Mädchenträume im Stil der Dreißiger- und Fünfziger-Jahre – die Ladys von heute haben kein Problem damit, mit gängigen Rollenerwartungen zu spielen. Wobei: Sie können ja auch jederzeit ausbrechen, schließlich zwingt sie ja keiner, tatsächlich während der Weimarer Republik oder der konservativen Rückbesinnung während des Wirtschaftswunders zu leben. Aber wer will ihnen hier mit kritischem Realismus den Spaß verderben? Dafür sind schließlich die Töchter besagter Revolution zuständig und das steht außerdem auf einem ganz anderem Blatt.
Im Grunde können Frauen und Männer machen, was sie wollen, die Unterschiede setzen sich am Ende eben doch durch, und das nicht nur im Produktdesign, bei Autos oder der Art und Weise, wie kreativ gelebt wird. Warum also immer gleich so ein Fass aufmachen? Oder geht es darum, dass die Revolutionskinder langsam selbst in die Jahre kommen und irgendwie ihre Existenz rechtfertigen müssen? Na dann, Tassen hoch! Pröstin!

 
Eve Sattler